Hätten Maria und Josef einen Makler gehabt …

Weihnachtsbaum

Weihnachtsbaum

In diesem Jahr komme ich mir vor als lebte ich ein Stück weit die Geschichte von Bethlehem nach, nämlich die Suche von Maria und Josef nach einer Bleibe für die Nacht und für ihre Niederkunft. Ich bin als Beobachterin der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit OSZE ganz plötzlich versetzt worden. Und zwar von Charkiw im Osten der Ukraine über tausend Kilometer weit in den Westen des Landes nach Lwiw (Lemberg). Freilich haben wir heute andere Verhältnisse. Und wenn ich eine Wohnung suche, dann lässt sich mit einem Makler oder einer Maklerin komfortabel schon aus der Ferne die Besichtigung von einigen Objekten verabreden.

Weihnachtsmarkt 2015

Lemberger Weihnachtsmarkt 2015

In Lemberg bin ich im alten österreichisch-ungarischen Charme angekommen, der hier lebendiger ist wie nie. Seit der Veröffentlichung meines Reiselesebuchs „Lemberg … einfach köstlich. Probieren Sie doch mal!“ hat sich jede Menge getan. Es gibt noch mehr Restaurants, neue Hotels und jede Menge Atmosphäre in der kompakten Innenstadt. Freilich nach dem großzügigen, modernen und sehr gepflegten Charkiw kommt mir Lwiw wie eine Puppenstube vor: enge Gassen und Straßen, holpriges Kopfsteinpflaster, dicht aneinander gebaute Gebäude, Paläste. Dazu jede Menge Kirchen und überall die äußerst individuelle Kaffeehausatmosphäre. Zu Neujahr und Weihnachten, das hier am 6. Januar gefeiert wird, ist die ganze Stadt geschmückt. Engel in Lebensgröße werden vom Rathausturm heruntergelassen. Auf dem Marktplatz und vor der Oper stehen Buden mit Glühwein, feinen Leckereien, ukrainischen Souvenirs und Kunsthandwerk. Ich fühle mich auch hier wohl.

Natürlich wurde ich sofort gefragt, wie mir Lwiw gefalle und die Lemberger, wie ich Charkiw finde. Die Stadt im Osten die von 1918-1934 einmal Hauptstadt der Ukraine war hat mir sehr gut gefallen. Sie ist überhaupt nicht grau, wie viele, die seit mehreren Jahrzehnten nicht dort waren, glauben. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass es mir einmal leid tun würde, von Charkiw wegzuziehen. Acht wundervolle Monate habe ich dort verbracht. Dass der Anlass die Kämpfe im Osten der Ukraine (Luhansk und Donezk) sind, ist natürlich bedrückend. Aber es ist schon merkwürdig. Mit der Zeit habe ich mich, wie die anderen auch, daran gewöhnt, mehr Miliz und Soldaten in der Stadt zu sehen. Der Ausnahmezustand wird zur Regel. Der Sommer in Charkiw war schön, heiß und trocken. Das Steppenklima und das stark gechlorte Wasser haben allerdings meine Haut angriffen, die dafür empfindlich ist. In Lemberg ist es feuchter. Die trockenen Partien haben sich normalisiert. Seit ich hier bin, regnet es nahezu jeden Tag. Ohne einen Schirm kann man in Lemberg generell das Haus nicht verlassen, auch im Sommer. Jetzt schneit es seit einigen Tagen leise vor sich hin. Die Ämter sind geschlossen, die Menschen feiern Weihnachten. Zwölf fleischlose Gerichte stehen da am 6. Januar auf dem Tisch. Das traditionelle Gericht am Heiligen Abend ist „Kutja“ (Кутя), einen Brei aus in Wasser gekochten Weizenkörnern, gehackten Nüssen, Honig und Mohn. In geregelter Reihenfolge kommen dann die anderen fleischlosen Gerichte dran: Hering mit Zwiebeln angerichtet, Borschtsch zum Trinken, Warenyky mit Kartoffeln und dazu Pilzsauce, Krautrouladen und zum Dessert Kuchen mit Tee oder Kaffee. Und selbstverständlich die „Pampuchy“ (Пампухи), eine Art Kräppel oder Krapfen, etwa in Größe eines Golfballs. Die zwölf verschiedenen Speisen sollen an die zwölf Apostel erinnern. Auf dem Tisch liegt neben jedem Platz eine Knoblauchzehe. Sie soll böse Geister vertreiben, Gesundheit und Kraft bringen. Selbstverständlich muss sie gegessen werden. Säfte und ein köstliches hausgemachtes Kompott zum Trinken begleiten das Essen. Alkoholisches ist erst ab dem 7. Januar dran.

In diesem Sinne Euch allen frohe Weihnachten und einen wundervollen Beginn des neuen Jahres 2015.

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